Dienstag, 29. März 2011

Es lebe der Nerdismus


Na, haben die Altklugen unter euch bereits dieses Wort in der Überschrift im Duden nachgeschlagen und ungläubig den Kopf geschüttelt? Da könnt ihr noch lange suchen, liebe Klugscheißer, diesen Ausdruck werdet ihr sicherlich nicht im Duden finden - das begegnet euch in Form von Menschen im alltäglichen Leben! Menschen, die sich von Kopf bis Fuß verkleidet haben, um uns Normalos eine Freude zu bereiten. Leute, die sich vor allem mit einem im Leben beschäftigen: sich selbst. Es gibt sowohl Frauen als auch Männer, die dem Nerdismus angehören. Wer nun meint ich schreibe über eine religiöse Gruppierung, die irgendwie aus den Fugen gelaufen ist, der irrt erneut. Anhänger des Nerdismusses, auch Nerds genannt, sind durchgestylte Selbstdarsteller. Sie sind zwischen achtzehn und Mitte Dreißig und vom Beruf her Blogger. Studieren tun sie meist "irgendwas mit Kommunikation", doch in der Uni sind sie eher selten gesehene Gäste.

Viel lieber treiben sie sich in angesagte Bars rum, wo sie zwischen Touristen wild auf ihre iPads einschlagen, um ihren Blog mit geistreichen Kommentaren zu füllen oder die frisch geschossenen Fotos hochzuladen. Die endgeile Lomo-App, die sie frisch auf ihren iPhones installiert haben, muss schließlich allen gezeigt werden. Crazy shit, motherfuckers!!! Sie sind Zugezogene aus Irgendwoher und dem Nirgendwo und haben bereits Kreuzkölln, Kreuzberg und Neukölln, the new place to be, you know, niedergelassen. Für ein paar Wochen oder höchstens Monate versteht sich. Lange bleiben sie nicht an einem und dem selben Ort.

Den meisten von ihnen sieht man eigentlich gar nicht an, dass sie gefühlte Tage vor dem Kleiderschrank verbracht haben, um ihren sündhaft geschmackvollen Ironic-Look zusammen zu stellen. Die Männer unter den Nerds tragen meist fast kahlgeschorene Seiten, dafür einen überlangen Pony, der so richtig schön in der Nase kitzelt. Hatschi und Prosit, sag ich da mal. Unter ihrem Fettvorhang verbirgt sich oft eine total angesagte Brille, gerne Ray Ban oder Mykita, Hauptsache groß und bestenfalls Vintage.

Wenn sie zu den ganz coolen gehören, zwirbelt sich unter ihren Näschen ein buschiger Moustache. Zu dem Rotzstopper gesellen sich ein paar kürzere Stoppeln, die bis zum ebenfalls buschigen Brusthaar reichen. Dies ist dank des bis zum Bauchnabel aufgeknöpften Hemds durchaus sichtbar. Da kommt doch gleich Dschungelfeeling auf! Man möchte sich gar nicht vorstellen, was in diesem Busch alles haust. Aber hey, wir wollen ja einem Nerd keine Schlampigkeit unterstellen. Im tiefsten Inneren sind sie schon sehr gepflegte Menschen. Nur bei den Meisten kommt es irgendwie nicht bis zur Oberfläche hervor. Komisch, komisch und schade, schade.

Hosenträger sind bei den Nerds auch ganz großes Kino, schließlich verleihen sie ihnen den unwiderstehlichen Look eines Dandys. Yeah! Die Hosen sitzen schlabberig, obwohl sie ultra-skinny und in neonfarben getaucht worden sind. Wenn er denn Hosen trägt, denn der Nerd ist auch bekennender Shorts-Träger. Man gönnt sich ja sonst nichts und wer hat gesagt, dass ein Mann kein Bein zeigen darf?! Ringelsöckchen in zwei verschiedenen Farben, voll en vogue. Diese stecken selbstverständlich in geschnürten Brogues, die ihre schönste Zeit schon hinter sich haben. Macht aber nichts, man liebt doch eben das Leben, so als Nerd, egal ob das eigene gemeint ist oder eben das, was da so am Körper sonst noch passiert... versteht ihr nicht? Macht ja nichts, widmen wir uns lieber den Frauen.

Den Nerdias, höhö... oder auch Duttfrauen, wie ich sie gerne nenne. Das ist dem Nerdchens liebste Frisur. Manchmal neigt auch sie zu einer rasierten Seite, ist ja schließlich auch zur Zeit so IN, dass sogar die Thomalla-Tochter das trägt.

Popo-Scheitel und Polanges Haar kann bei den weiblichen Verfechtern des Nerdismus auch vorkommen. Wie ihr seht, hier geht fast alles. Große Ohrringe vom Flohmarkt baumeln wie kleine Äffchen an ihren ausgeleierten Ohrläppchen. Die haben schon ziemlich viel durchgemacht, die armen Hautlappen. Dieses Schmuckspektakel wiederholt sich auch am Hals, bis zum Bauchnabel reichen hier meist die langen Ketten, die meist von schillernden Eulen der kleinen Uhren behangen sind. Bei all dem Gebammel hätte ich glatt die Brillen vergessen zu erwähnen, obwohl die meist das Größte Accessoire sind, was die Nerd-Mädchen an sich tragen. Bigger size is my size, scheint hier das Motto zu sein. Je mächtiger das Gestell, desto besser. Meist leiden die Girls gar nicht unter einer Sehstörung, sondern tragen die Ufos als trendy Styloding in ihrem Face.

Lippen gerne knallrot oder Omalila. "Ommerig" sind meist auch die Cardigans, oder auch deutsch Strickjacken, die die Mädels am Leibchen tragen. Grob gestrickt und extralang, ja, so haben wir es gern. Da bedarf es auch meist kein Rock oder Höschen, obwohl so eine Jeansshorts hat noch keinem Nerdmächen geschadet. Jeil. Dazu schwarze Strümpfe, Schnürschuhe oder Absatzschuhe im Granny-Style und fertig ist sie. Fast. Fehlt nur noch die Tasche, die vor lauter Ranz bald auseinander fällt. Je oller desto doller! Aber auch die altbewährte Jeansjacke, aus der man eigentlich schon rausgewachsen ist, ist super angesagt unter den Flohmarkt-Fanatikerinnen. Die Achtziger lassen grüßen. Oder der schicke Nerz aus der Humana-Box, den man auch als überzeugte "Vegetarierin" gerne und oft ausführt.

Aber man muss schon Glück haben, um etwas von ihren Gesichtern zu erhaschen, schließlich verstecken sich die Nerdmädchen meist unter und hinter extradicken und langen Schals. Auch einfach superhipp.

Können sich Männlein und Weiblein dieser Gattung dann endlich mal von ihren Apple-Produkten losreißen, finden sie sich in großen Grüppchen ein, wo sie bei einer selbsgedrehten Öko-Zigarette, ist doch eh viel gesünder, als der andere Quatsch, ein und philosophieren über das Blogger-Dasein, ihr Studium oder dass die Achsel-Frisur bei Frauen doch eigentlich super out sei. Normale Alltagsgespräche eben!
Am liebsten lausche ich diesen geistreichen Konversationen, wenn sie auf englisch stattfinden. Dieser London-Slang in der Stimme, diese Ausdrucksweise... hinter jedem Wort "ahm, I was like"... ein Traum. Note Eins. Affektierte Gülle.

In diesem Sinne... luv ya all!

Kommentare:

  1. Der Beitrag erscheint mir, als käme er rund 2 Jahre zu spät. Die hier beschrieben Popper sind doch schon längst nicht mehr 'in' bzw. haben sich doch schon längst anders verkleidet.
    Ansonsten, also abgesehen von der leichten zeitlichen Verzögerung aber beinahe gut beobachtet.
    => Über den aktuellen Trend kann man sich am besten in jenen 'hip-locations' erkundigen, in denen sich schwule Engländer und ihre angeschwulten Nachahmer treffen ;-)

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  2. Anonym weiß Bescheid.
    Es grüßt herzlichst,
    ich

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